Auf offener See: Sicherheit und Gesundheit in der Offshore-Windindustrie. Interview mit Dr. Thorsten Albers

Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Offshore-Windenergie

Um die Energiewende in Deutschland erfolgreich zu stemmen, ist der Ausbau der Windenergie bedeutsam. Damit gewinnt die Offshore-Windindustrie an Fahrt. Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz bringt diese Branche neue Herausforderungen mit sich. Wir wollen von Dr. Thorsten Albers von der Ingenieurgesellschaft von Lieberman GmbH, Koordinator des Verbundprojektes BestOff, wissen, welche speziellen Anforderungen an den Arbeits- und Gesundheitsschutz auf offener See bestehen und wie es gelingen kann, Beschäftigte zu schützen.

Herr Dr. Albers, Beschäftigte, die auf Plattformen vor der Küste arbeiten, sind extremen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Welche Belastungen resultieren hieraus?

Dr. Thorsten Albers: Ein wichtiger Aspekt sind dabei natürlich die physischen Belastungen aus den Installations- und Wartungsarbeiten, zum Beispiel schwere mechanische Arbeiten oftmals verbunden mit Kletterarbeiten und Arbeiten in großen Höhen. Hinzu kommen häufig erschwerte äußere Rahmenbedingungen. So sind die Beschäftigten Wetter, Wind und Seegang ausgesetzt. Nicht zuletzt stellt der Überstieg vom Crew Transfer Vessel auf die Windenergieanlage eine Herausforderung dar. Bei alledem muss man bedenken, dass die Arbeiten an entfernten und oftmals nur schwer erreichbaren Orten stattfinden. Eine Evakuierung im Notfall ist immer schwierig und je nach Wetterlage manchmal auch gar nicht möglich. Dies besitzt bei der Gefährdungsbeurteilung und bei allen Präventionsmaßnahmen eine große Bedeutung. Rettungskonzepte sind ein essentieller Teil des Genehmigungsverfahrens für Windparks.

Neben den physischen Belastungen existieren auch psychische Belastungen aus Arbeitsorganisation (lange Transfer- und Wartezeiten, Schichtarbeit), aus der Arbeitsumgebung (beengte Wohnverhältnissen, reduzierte Privatsphäre), aus den Arbeitsaufgaben und einem eingeschränkten sozialen Umfeld. Insbesondere zu den psychischen Belastungen gibt es bislang kaum belastbare Daten.

Wie geht das Projekt BestOff vor, um zur Sicherheit und Gesundheitsprävention von Offshore-Beschäftigten beizutragen?

Dr. Thorsten Albers: Die Verbundpartner entwickeln erstmals eine tragfähige Gesamtlösung für Sicherheit und Gesundheit in der Offshore-Windindustrie. Basis ist eine detaillierte Analyse bestehender physischer und psychischer Belastungen, der Sicherheits- und Gesundheitskoordination der Branche sowie unterschiedlicher Lernkulturen der beteiligten Unternehmen. Hierzu werden neben einer umfassenden Literatur- und Onlinerecherche zahlreiche qualitative Interviews mit Experten und Beschäftigten aus der Branche durchgeführt und ausgewertet.

Der Verbund adressiert letztlich drei Zielebenen: Auf betrieblicher Ebene werden die individuellen Kompetenzen der Beschäftigten in Sicherheits- und Gesundheitsfragen durch neu entwickelte Lernmodule verbessert, die offshore-spezifische Handlungskompetenz aufbauen. Auf zwischenbetrieblicher Ebene wird ein Modell zur Koordination von Sicherheits- und Gesundheitsstandards der unterschiedlichen beteiligten Unternehmen entwickelt und in eine digitale mobile Lösung für Beschäftigte und Sicherheits- und Gesundheits-Koordinatoren eingebunden. Auf Branchenebene tragen die Projektpartner dazu bei, dass auch andere Unternehmen der Offshore-Windindustrie und Unternehmen mit vergleichbaren Bau- und Montagetätigkeiten die Projekterfahrungen und -ergebnisse nutzen können.

Die Offshore-Windindustrie ist eine relativ junge Branche. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz steht damit noch am Anfang. Gibt es andere Branchen, aus denen die Offshore-Windindustrie lernen kann?

Dr. Thorsten Albers: Naheliegend ist ein Vergleich mit der Offshore-Öl- und Gasindustrie. Hier bestehen langjährige Erfahrungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz, jedoch auch einige wesentliche Unterschiede, die eine Übertragung der Konzepte auf Offshore-Wind erschweren. Viele internationale Standards der Offshore-Öl- und Gasindustrie stammen aus dem britischen bzw. angloamerikanischen Raum und finden keine unmittelbare Anwendung in der Deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone. Des Weiteren finden die Arbeiten auf Öl- oder Gasplattformen weitestgehend stationär statt. Der Personaltransport ist auf den Crew-Wechsel begrenzt und besitzt relativ gesehen eine geringere Bedeutung als in der äußerst instationären und mobilen Offshore-Windindustrie. Hier verteilen sich die Arbeiten auf viele einzelne Anlagen in diversen Windparks und der Crew-Transport besitzt wie auch die Wetterlage eine deutlich größere Bedeutung. Da die meisten Transport- und Arbeitsprozesse in der Offshore-Windindustrie mit bzw. von schwimmenden Fahrzeugen aus stattfinden, können aus der Seeschifffahrt bewährte und pragmatische Ansätze zum Arbeits- und Gesundheitsschutz abgeleitet werden. Konzeptionell kann aber auch die Raumfahrt wichtige Hinweise geben. Auch hier sind holistische und detaillierte aber dennoch flexible Konzepte gefragt.

Mehr zum Projekt BestOff erfahren Sie unter www.bestoff-offshore.de. Für das sichere und gesunde Arbeiten in der Offshore-Windindustrie lädt das Projekt im Rahmen der DGAUM Jahrestagung am 15. März 2017 zum Symposium „Gesundes Arbeiten Offshore – Maritime Medizin aus anderer Perspektive“ ein.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.