Gesundheitsprävention in der Altenpflege-Branche. Interview mit Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen

Zeitdruck, körperliche Schwerarbeit und der emotionale Umgang mit Leid und Tod prägen häufig den Arbeitsalltag in der Altenpflege. Daher suchen Altenpflegeeinrichtungen zunehmend nach Lösungen, um die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu fördern – und zugleich attraktiv für neue Bewerber zu sein. Welche Präventionsstrategien hier bestehen, zeigt Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen, Verbundkoordinator des Projektes Pflege-Prävention 4.0 und Geschäftsführer der MA&T GmbH, auf. 

Herr Dr. Fuchs-Frohnhofen, die Altenpflege-Branche steht insbesondere durch den demografischen Wandel vor schwierigen Aufgaben. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?  

Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen: Zukünftig wird es eine erheblich größere Anzahl älterer Menschen mit einem erhöhten Bedarf an Pflegeleistungen geben. Dadurch werden deutlich mehr Pflegekräfte benötigt. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die Anzahl potenzieller Erwerbstätigen zurückgeht. In der Altenpflege sind mittlerweile mehr als 36 Prozent der Beschäftigten über 50 Jahre. Umso wichtiger ist es, für die Gesundheit und für die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer zu sorgen.

Bei älteren Beschäftigten finden sich vermehrt gesundheitliche Spätfolgen der Pflegearbeit. Ursachen für die erhöhte psychische Belastung können Schichtarbeit, häufige Überstunden oder Einspringen an freien Tagen sein – bei gleichzeitig schlechten materiellen Rahmenbedingungen. Häufig haben Beschäftigte Schwierigkeiten, sich von der Arbeit abzugrenzen, oder es treten sogar berufsbezogene psychische Traumatisierungen auf. Insofern ist größte Herausforderung der Branche, durch gute Arbeitsgestaltung und intensive Prävention bei den Beschäftigten Belastungen abzubauen und gesundheitliche Ressourcen zu stärken. Darüber hinaus müssen zahlreiche junge Menschen begeistert werden in der Altenpflege zu arbeiten, damit der Fachkräftemangel reduziert wird.

Wie wird das Projekt Pflege-Prävention 4.0 Altenpflegeeinrichtungen und ihre Beschäftigten unterstützen?

Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen: Im Projekt Pflege-Prävention 4.0 geht es zum einen darum, persönliche Ressourcen zu identifizieren und die individuelle Resilienz zu stärken. Zum anderen sollen neue Konzepte für eine gelingende Verhältnisprävention in der stationären Altenpflege entwickelt und erprobt werden. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, ob und wie innovative Pflegetechnik einen Beitrag für gesundheitsförderliche Arbeitsstrukturen leisten kann. Durch die Anwendungspartner St. Gereon Seniorendienste und Johanniter Seniorenhäuser GmbH wird ein breites Praxisfeld für die Erprobung innovativer Konzepte in das Projekt eingebracht.

Welche Gestaltungspotenziale bietet die Digitalisierung für die Altenpflege-Branche?

Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen: Für Pflegekräfte kann der Einsatz von neuen Technologien zu Entlastungseffekten auf verschiedenen Ebenen führen. Erstens lassen sich durch mechanische oder elektrische Unterstützung körperliche Entlastungen erzielen, insbesondere in Bezug auf Belastungen des Rückens. Zweitens
bestehen auch Chancen zur Reduzierung psychischer Belastungen: So kann beispielsweise der Einsatz von Technologien, die das Sturzrisiko der Gepflegten mindern, das Stressempfinden der Pflegekräfte aufgrund von unsicheren Situationen verkleinern. Zudem können pflegeunterstützende Technologien Pflegekräfte von Arbeiten entlasten, die sie selbst als Tätigkeiten außerhalb des Kerns pflegerischer Arbeit, nämlich der Interaktionsarbeit, definieren. Ein Beispiel hierfür sind Technologien, mithilfe derer sich die Vitalwerte der Pflegebedürftigen erfassen und dokumentieren lassen.

Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz technischer bzw. IT-technischer Hilfsmittel ist allerdings, die Vor-Ort Arbeitssituation der Pflegekräfte bei der Technikentwicklung zu berücksichtigen und sowohl Pflegekräfte als auch Pflegebedürftige frühzeitig am Entwicklungsprozess zu beteiligen. Die Technikeinführung in einer Pflegeorganisation sollte ganzheitlich als soziotechnische Systemgestaltung aufgesetzt und die Nutzer ausreichend qualifiziert werden. Ebenso werden sinnvolle Finanzierungskonzepte benötigt, die nicht nur auf kurzfristige Rationalisierungseffekte beim Personaleinsatz setzen.

Pflege-Prävention 4.0 macht skandinavische Erfahrungen nutzbar. Was können wir von den skandinavischen Ländern in puncto gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung lernen?

Dr. Paul Fuchs-Frohnhofen: Das Projektteam PP4.0 hat sich vor Ort skandinavische Erfahrungen angeschaut, da Skandinavien in Europa als Vorreiter guter Arbeitsgestaltung auch in der Pflege betrachtet wird. Ausgangspunkt war hier das „Work-Ability-Konzept“ von Ilmarinen mit dem bekannten „Haus der Arbeitsfähigkeit“. Daraus wurden unter anderem folgende Empfehlungen abgeleitet: Das Vereinbarkeitsmanagement Familie und Beruf, die kontinuierliche Kompetenzentwicklung für alle oder die erwerbsphasengerechte Arbeitszeit und Arbeitsorganisation. Auch spielen Partizipation und Autonomiespielräume der Beschäftigten sowie partizipative und wertschätzende Führung eine Rolle.

Ausführliche Informationen zur Gesundheitsprävention in der Altenpflege und entsprechenden Konzepten finden Sie auf der Projektwebsite www.praevention-fuer-pflegende.de. Werfen Sie auch einen Blick in die Broschüre Neue Ansätze des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Pflege- und Dienstleistungssektor, mit der sich neben weiteren Verbundprojekten dieser Branche auch Pflege-Prävention 4.0 vorstellt.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.