HR- und Gesundheitsmanagement in der Arbeit 4.0 - Bedarfe in KMU. Interview mit Dr. Philipp Lechleiter und Alexander Purbs

Digitalisierung, Industrie 4.0 und demografischer Wandel verändern die Arbeitswelt weitreichend. Unternehmen sind gefordert, ihre Mitarbeiter langfristig gesund zu erhalten und deren Kompetenzen zu fördern. Diese komplexe Aufgabe fordert speziell kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und führt zu umfassenden Bedarfen. Eine nun veröffentlichte Interviewstudie der Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Heidelberg zeigt, wie sich diese Bedarfe gestalten. Als wissenschaftliche Mitarbeiter im Projekt MEgA haben Dr. Philipp Lechleiter und Alexander Purbs (M.Sc.) mit 88 Geschäftsführern und Personalleitern in ganz Deutschland gesprochen.

Vom Wandel der Arbeitswelt liest man derzeit überall. Wieso haben Sie zu diesen Veränderungen gerade KMU-Vertreter interviewt?

Alexander Purbs: Der beschriebene Wandel der Arbeitswelt äußert sich in immer schneller werdenden, teilweise disruptiven Veränderungen, deren Auswirkungen es zu erforschen gilt. Es existieren wenig belastbare Befunde zur Situation in kleinen und mittleren Unternehmen, obgleich diese oftmals als Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet werden. Aufgrund dessen wurden KMU-Vertreter befragt, welche Bedarfe und Erfordernisse für KMU charakteristisch sind, wenn es darum geht, die demografische und digitale Transformation zu gestalten. Aufbauend auf den Experteninterviews haben wir nun unsere Online-Befragung gestartet, für die Geschäftsführer und Personalverantwortliche als Teilnehmer gesucht werden. Dadurch können die Ergebnisse der Interviewstudie überprüft und vervollständigt werden.

Eine der viel beschriebenen Veränderungen der Arbeitswelt ist die Digitalisierung auf dem Weg zur vierten industriellen Revolution. Welche Bedarfe sehen die KMU im Bereich Digitalisierung?

Alexander Purbs: Im Bereich Industrie 4.0 sehen die befragten KMU-Vertreter nur wenig Bedarf. Einerseits sind knappe Ressourcen und wenig Know-How die Gründe. Doch noch wichtiger: Vielen KMU ist unklar ist, ob eine weitreichende digitale Vernetzung für sie in näherer Zukunft überhaupt notwendig ist. Schon mehr Bedarfe ergeben sich, wenn man nach der weiter voranschreitenden Digitalisierung fragt. Vor allem werden weitere Informations- und Kommunikationstechnologien und adäquate Qualifizierung benötigt. Doch neben den technischen Upgrades dürfen kritische Aspekte wie die Informationsflut, die ständige Erreichbarkeit, ansteigende Komplexität und Geschwindigkeit nicht außer Acht gelassen werden. Die digitale Transformation kann nur gelingen, wenn die Belegschaft an die Hand genommen und der Weg in die Arbeitswelt 4.0 gemeinschaftlich gegangen wird.

Sie haben gesagt, dass es notwendig ist, die Belegschaften in die Arbeitswelt 4.0 mitzunehmen? Wie muss also das Personalmanagement von morgen in KMU aussehen?

Alexander Purbs: Hier sind Flexibilität und Agilität wesentliche Aspekte. Digitale Technologien bedingen, dass Beschäftigte jederzeit und überall arbeiten können. Auch KMU müssen sich darauf einstellen und Arbeit flexibler gestalten, sodass Mitarbeiter über mehr Spielräume verfügen. Darüber hinaus gilt es, die Beschäftigten zu motivieren, die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Eine kontinuierliche Qualifizierung ist und bleibt vor dem Hintergrund einer sich reduzierenden Halbwertszeit des Wissens unabdingbar. Auch der demografische Wandel wurde in den Interviews deutlich. So war die Personalgewinnung und -planung einer der am häufigsten genannten Bedarfe.

Wo liegen die Herausforderungen für KMU, wenn es darum geht, ein nachhaltiges Betriebliches Gesundheitsmanagement zu etablieren?

Dr. Philipp Lechleiter: Häufig ist es so, dass KMU bereits vereinzelt Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung anbieten. Allerdings fehlt vielen ein Konzept, diese Maßnahmen zu bündeln und in ein nachhaltiges BGM-Konzept zu übersetzen. Eines der Hauptprobleme machen die KMU-Vertreter jedoch in der mangelnden Teilnahmemotivation der Belegschaft aus. Wenig förderlich ist hierbei, dass viele Führungskräfte keinen direkten Nutzen eines BGM sehen, da die Kosten der Einführung höher eingeschätzt werden, als der voraussichtliche Ertrag. Hinzu kommt, dass Konzepte fehlen, wie die Arbeit im Betrieb gesundheitsförderlich gestaltet werden kann.

Wie sehen nun die im Projekt MEgA erarbeiteten Lösungen aus?

Dr. Philipp Lechleiter: Zum einen wird das Verfahren „Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen“ (GPB, entwickelt am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Heidelberg), das bisher fast ausschließlich in Großbetrieben eingesetzt wurde, auf die Bedarfe von KMU angepasst. Zum anderen wird ein Training zur Verbesserung der Selbstregulation im Umgang mit digitalen Technologien erstellt. Aufbauend auf unserer Bedarfsanalyse ist darüber hinaus geplant, eine Toolbox auf der MEgA-Plattform bereitzustellen, in der Unternehmen passende Maßnahmen und Instrumente für ihr HR- und Gesundheitsmanagement finden. In die Toolbox fließen nicht nur die Verfahren und Erkenntnisse aus unserer Forschung ein, sondern es werden die Ergebnisse aus allen Verbundprojekten im Förderschwerpunkt berücksichtigt. Dadurch können wir den Unternehmen eine große Bandbreite an praxiserprobten, präventiven Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen anbieten.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.