Open Space. Oder was? Interview mit Dr. Nick Kratzer zur Büroarbeit 4.0

Sitzgruppe im Open Space-Büro

Offene und flexible „Open Space”-Büros sind viel mehr als moderne Büros. Sie sind entgrenzte Arbeitswelt: Hier soll gearbeitet, aber auch gelebt werden. Wir wollen von Dr. Nick Kratzer (ISF München) vom Verbundprojekt PräGeWelt wissen, welche Gründe für offene, flexible Büro- und Arbeitswelten sprechen und wie eine gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung gelingen kann.

Herr Dr. Kratzer, was sind die besonderen Merkmale von Open Space Büros, und wie verbreitet sind sie bereits in Deutschland?

Dr. Nick Kratzer, ISF MünchenNick Kratzer: Wenn wir von Open Space Büros sprechen, dann meinen wir Büros, die als durchgehende Arbeitslandschaften konzipiert sind, die für verschiedene Anforderungen auch verschiedenen Räumen oder Raumzonen bieten, also Räume für Routinearbeit ebenso wie für Besprechungen, für Projektarbeit ebenso wie für konzentrierte Einzelarbeit usw.  Die Mehrzahl der Beschäftigten in Deutschland arbeitet noch in kleineren Büros, sogenannten „Zellenbüros“, aber unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass der Trend eindeutig in Richtung größerer, offener Büros geht.         

Warum gestalten immer mehr Unternehmen ihre Büroräume als Open Space?

Nick Kratzer: Die Unternehmen machen das zum einen aus Kostengründen, weil sie sich eine effiziente – und das heißt zunächst kostensparende – Büroform versprechen. Allerdings sind diese Kostenziele alleine nicht tragend, und auch wenig charmant. Denn mit Open Space-Büros verbinden die Unternehmen auch qualitative Ziele, was in unserem Verbundprojekt PräGeWelt deutlich geworden ist. Unsere Trendanalyse, mit der wir in 18 Unternehmen insgesamt 55 Experten befragt haben, hat gezeigt, dass dazu vor allem die Kommunikation sowie Kooperation und Transparenz zählen. Unser Eindruck ist allerdings, dass diese für die Unternehmen zwar wichtig und eine schöne Sache sind – ohne das Effizienzargument aber nicht unbedingt umgesetzt werden würden.

Gibt es schon Erkenntnisse im Projekt PräGeWelt, wie sich eine solche Arbeitsumgebung auf Wohlbefinden und Gesundheit der Beschäftigen auswirkt?

Nick Kratzer: Ja, und zwar zweierlei. Erste Erkenntnis ist, dass es keine gibt. Neben unseren Expertengesprächen haben wir eine ausführliche Literaturrecherche gemacht. Wenn man beides zusammennimmt, kommt man zu dem Schluss, dass man noch gar nicht so genau weiß wie größere Büroeinheiten bzw. offene und flexible Büros eigentlich wirken. Die zweite Erkenntnis ist, dass  offensichtlich auch Open Space Büros Vor- und Nachteile haben, genauso wie Zellenbüros oder Gruppenbüros.

Die Nachteile liegen erstens in physischen Belastungen wie Lärm, Licht, Luft – also den klassischen Großraumbürothemen. Zweitens gibt es eine diffuse psychische Belastungssituation, die wir noch gar nicht richtig entschlüsselt haben. Die sind irgendwie anstrengend, sagen die von uns befragten Experten und Beschäftigten. Wir vermuten es hat damit zu tun, dass sie verstärkt unter Beobachtung stehen, es zum Teil Probleme mit Privatheit und Rückzugsgelegenheiten gibt oder man sich in so einem Raum  anders koordinieren muss, da gibt es eine ganze Reihe von Facetten. Daneben stehen die Vorteile von Open Space: Man bekommt mehr voneinander mit, hat schöne, attraktive und moderne Büros und meistens eine gute Umgebungseinrichtung, zum Beispiel Cafeterias und Erholungsmöglichkeiten. Aber Open Space ist eben auch ein bisschen diffus belastet – einem Punkt, dem wir in unserem Projekt weiter nachgehen werden.   

Daran anknüpfend stellt sich die Frage, wie PräGeWelt Unternehmen bei der Gestaltung moderner Bürowelten konkret unterstützen wird?

Nick Kratzer: Grundlegend ist die Analyse. Dafür haben wir ein PräGeWelt-Analysemodell erarbeitet, das wir schon in zwei Firmen getestet haben. Mit dem Modell, das aus verschiedenen methodischen Instrumenten besteht – qualitativ, quantitativ, gemischt mit Beobachtungen – glauben wir, einen guten und ganzheitlichen Blick auf das komplexe Gebilde Büro und seine Wirkung zu bekommen.

Ganz viele Unternehmen, mit denen wir zu tun haben, verändern gerade ihre Büroumgebungen. Wenn bereits offene Büros bestehen, dann können wir mit unseren Ergebnissen und unserem beteiligungsorientierten Gestaltungsansatz dazu beitragen, Problemstellen und Schwachpunkte zu erkennen und zu bearbeiten. Ein anderer Fall sind Unternehmen, die zunächst Pilotflächen einrichten. Hier begleiten wir diese Piloten und versorgen das Unternehmen mit weiterführenden Informationen, wie sie es besser machen können. In beiden Fällen ist das Vorgehen gleich: Wir machen eine Analyse, melden die Ergebnisse zurück und gehen zusammen mit den Beteiligten der Frage nach, ob es Veränderungsbedarf gibt und welche Möglichkeiten hier bestehen. Aber es geht nicht nur darum, einzelne Unternehmen zu unterstützen, sondern auch generalisierbare Ergebnisse zu bekommen, die wir an Verbände, Gewerkschaften und andere Unternehmen weitergeben.

Mehr zum Projekt PräGeWelt erfahren Sie unter www.praegewelt.de. Auf der GfA-Frühjahrstagung am 17. Februar 2017 veranstaltet PräGeWelt das Symposium „Herausforderung digitaler Wandel – Büroarbeit 4.0: Flexible Büro-und Arbeitswelten und deren Auswirkungen auf Arbeit und Gesundheit der Beschäftigten“ (11 - 12.40 Uhr, Gebäude 6). Zum Programm geht es hier.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.