Gesunder Unternehmensstart für Existenzgründer – Das Projekt Digi-Exist

Gründen, selbstständig gestalten und in einem hoch dynamischen Umfeld arbeiten: Darin besteht der Ansporn vieler Existenzgründer. Doch wie sieht es mit Gesundheit und Prävention bei Startups aus? Das Projekt Digi-Exist nimmt diese Zielgruppe in den Blick und entwickelt ein digitales Präventionsprogramm. Welche Anforderungen das Programm berücksichtigen muss und wie Gründer davon profitieren können, erläutern uns Dörte Behrendt und Leif Boß aus der Abteilung Gesunheitspsychologie der Leuphana Universität Lüneburg.

Leif Boß von der Leuphana Universität LüneburgGesundheitsförderung und Prävention – bislang kein Thema für Existenzgründer?

Leif Boß: Das trifft tatsächlich auf viele Gründer zu! Gerade in der Gründungs- und Wachstumsphase steht der Erfolg des Unternehmens und nicht die eigene Gesundheit im Fokus. In vielen Interviews, die wir mit Gründern geführt haben, konnten wir jedoch feststellen, dass diese Zielgruppe der eigenen Gesundheit und der ihrer Mitarbeiter einen hohen Wert beimisst. Allerdings konzentrieren sich bisherige Maßnahmen eher auf gesundheitsfördernde Aktivitäten in den Bereichen Bewegung und Ernährung – und enden bei klassischen Arbeitsschutzthemen. Mit Digi-Exist haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, einen gesunden Unternehmensstart zu ermöglichen: Wir wollen ein stärkeres Bewusstsein für das Thema psychische Gesundheit schaffen und Möglichkeiten der Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen aufzeigen.

Dörte Behrendt von der Leuphana Universität LüneburgWie geht das Projekt Digi-Exist konkret vor?

Dörte Behrendt: Gemeinsam mit den Verbundpartnern haben wir ein digitales Präventionsprogramm entwickelt, das speziell auf die Bedürfnisse von Existenzgründern zugeschnitten ist. Die Nutzer können Selbstchecks sowohl für die eigene Gesundheit als auch für Aspekte gesunder Arbeitsbedingungen durchlaufen. Dabei profitieren sie von individuellen Rückmeldungen, Trainingsempfehlungen, evidenzbasierten Online-Trainings und Workshops. Wir hoffen, dass die zeitlich und örtlich flexible sowie anonymisierte Nutzungsmöglichkeit dazu beiträgt, sich auch in Phasen hoher Arbeitsbelastung mit schwierigen Themen und persönlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen und Lösungen zu erarbeiten. Das könnte zum Beispiel die Frage betreffen „Wie gehe ich mit Stress um?“ oder „Wie schaffe ich den Spagat zwischen unternehmerischem Erfolg und familiären Pflichten?“.

Wie ist das digitale Präventionsprogramm aufgebaut?

Leif Boß: Das Trainingsprogramm besteht aus zwei Kernbereichen: Im Bereich „Meine Gesundheit“ findet der Nutzer verhaltenspräventive Trainings zu den Themen Stressmanagement, erholsamer Schlaf, Alkoholkonsumreduktion, Erschöpfungszustände sowie Förderung von Resilienz und Dankbarkeit. In den Bereich „Meine Arbeit“ führen zwei Basismodule (gesunde Führung und gesunde Arbeitsgestaltung), auf die fünf weitere vertiefende verhältnispräventive Trainings folgen können: Arbeitsschutz, Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, gesunde Unternehmenskultur, Arbeitsorganisation und Arbeitszeit. Diese Trainings setzen nicht allein beim Individuum an, sondern unterstützen zudem Gründer und Führungskräfte bei der gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen.

Sie arbeiten in Digi-Exist mit „Personas“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Dörte Behrendt: Bei der Softwareentwicklung hat sich das Modell der Personas bewährt, um zu analysieren, welcher Nutzerkreis die Software später nutzen wird. Dazu werden, anhand von Beobachtungen oder Befragungen realer Menschen, fiktive Personen geschaffen, die stellvertretend für den späteren Anwenderkreis stehen. Das Entwicklerteam entwirft auf Basis dieser Personas dann entsprechende Nutzungsszenarien. Im Projekt Digi-Exist haben wir diesen Ansatz gewählt, um unser Präventionsprogramm und seine Angebote gezielt auf die Herausforderungen der Gründer und Beschäftigten auszurichten. Auf Basis von mehr als 20 Interviews haben wir Personas entwickelt, die prototypisch arbeits- und gesundheitsbezogene Problemlagen der Zielgruppe abbilden.

Wie werden Existenzgründer die entwickelten Produkte zukünftig nutzen können?

Leif Boß: Digi-Exist soll sich als Angebot aus einer Hand verstehen, zum Beispiel als Präventionsangebot einer Krankenkasse. In diesem Fall bietet die Krankenkasse Digi-Exist ihren Mitgliedern an. Zum einen ist eine individuelle Nutzung denkbar, das heißt die Krankenkassenmitglieder können je nach Bedarf an verschiedenen Online-Trainings von Digi-Exist teilnehmen. Zum anderen kann Digi-Exist im Rahmen eines systematischen BGM-Prozesses in ein Unternehmen eingeführt und allen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt werden. Das hat den Vorteil, Digi-Exist nicht nur als reines Online-Programm zu nutzen, sondern je nach Bedarf Online-Trainings und Präsenzworkshops zu verbinden. Gesundheitsförderliche Strukturen können somit nachhaltiger in das Unternehmen integriert werden.

Sind Sie neugierig geworden? Dann besuchen Sie die Website www.digi-exist.de und informieren Sie sich über Möglichkeiten eines gesunden Unternehmensstarts. Auf der Meilensteintagung des BMBF-Förderschwerpunktes am 21. und 22. Juni 2018 wird Digi-Exist einen Workshop anbieten, in dem es konkret um den Persona-Ansatz und mögliche Anwendungsszenarien geht.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich