Chancen einer menschengerechten Arbeit nutzen – Interview mit dem Projekt Prävention 4.0

Foto Mensch und Arbeit

Smarte Technologien halten Einzug in Produktion und Dienstleistung – und verändern Wertschöpfungsprozesse und Unternehmenskulturen. Das Projekt Prävention 4.0 hat sich zur Aufgabe gemacht, konkrete Gestaltungsmaßnahmen für eine produktive und gesunde Arbeit 4.0 zu entwickeln. Über die konkreten Anforderungen an Unternehmen und Beschäftigte haben wir mit Prof. Dr. Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e.V., und Kerstin Guhlemann von der Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund am Rande des 64. GfA-Frühjahrskongresses gesprochen. 

Kerstin Guhlemann, Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund und Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. Wo liegen Ihrer Ansicht nach die größten Potenziale der 4.0-Prozesse?

Kerstin Guhlemann: Im Projekt Prävention 4.0 schauen wir uns diese Prozesse hauptsächlich mit der Brille an, wie eine gute Arbeitsgestaltung 4.0 gelingt, die auch der Schlüssel zu Effizienzgewinnen für die Unternehmen ist. In Bezug auf die Mitarbeiter sind große Potenziale, sie körperlich, kognitiv und psychisch zu entlasten – und damit die Arbeit aufzuwerten. Auch gibt es die Möglichkeit, neue Beschäftigtengruppen zu integrieren, welche die Arbeiten vorher vielleicht nicht hätten machen können – etwa durch die Nutzung digitaler Assistenzsysteme oder individueller Lern- und Arbeitsformen.

Und welche Folgen haben die digitalen Entwicklungen für die Gesundheit der Beschäftigten?

Kerstin Guhlemann: Das ist alles sehr ambivalent, die Folgen ergeben sich ja nicht automatisch. Je nachdem wie die Arbeit gestaltet ist, kann es in die eine oder in die andere Richtung gehen. Einerseits haben wir viel Potenzial für Entlastung. Aber natürlich können sich auch neue Belastungen ergeben, zum Beispiel durch Bewegungsmangel, Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) Brillen, kleine Bildschirme oder fehlende Ergonomie bei mobiler Arbeit unterwegs im Flugzeug oder Zug. Ein weiteres großes Thema sind psychische Belastungen, in diesem neuen Kontext zum Beispiel durch Daueraufmerksamkeit, Isolation oder Unter- beziehungsweise Überforderung. Auf der anderen Seite können natürlich auch neue Freiräume oder Flexibilitätsmöglichkeiten entstehen oder die neue Technik für Gefährdungsbeurteilungen, Prävention und Gesundheitsförderung genutzt werden.

Da schließt sich die Frage nach der Autonomie der Beschäftigten an.

Kerstin Guhlemann: Da ergeben sich Veränderungen durch neue Formen der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. Das heißt, viele Prozesse werden automatisiert und die Maschine kann immer mehr Steuerungsmöglichkeiten übernehmen. Aber auch das ist eine Frage der Arbeitsgestaltung: Die Verschiebungen können einerseits dazu führen, dass sich die Autonomie der Menschen erweitert, anderseits, dass sie eingeschränkt wird, weil durch die Maschine mehr vorgegeben wird.

Was können Führungskräfte tun, um Mitarbeiter mitzunehmen?

Prof. Dr. Sascha Stowasser: Letztlich diskutieren wir nicht nur das Thema Industrie 4.0 oder 4.0-Prozesse, sondern es geht hier um Change und einen Wandel in Richtung Arbeitswelt 4.0. Das bedeutet erst einmal, dass bei den Mitarbeitern Ängste aufkommen, die da heißen: Was muss ich machen? Beherrsche ich denn überhaupt die Technologie oder die gesamt Arbeitsorganisation?  Bis hin zu: Ist mein Job überhaupt noch da? Demnach ist eine ganz wichtige Sache, dass die Führungskräfte Ängste wegnehmen. Sie müssen klar, plausibel und transparent erzählen und klarmachen: Wir gehen den Prozess der digitalen Transformation vom Stand Industrie 3.0 hin zur Industrie 4.0 gemeinsam. Und ihr macht da mit, dürft da mitmachen und könnt Euch beteiligen. Erfahrungsgemäß ist der Change und speziell die Einführung von Industrie 4.0 Prozessen erfolgreich, wenn die Mitarbeiter wissen, wo es hingeht und sie sich einbringen können.

Wie hat sich die Rolle der Führung in der digitalen Transformation konkret verändert?

Prof. Dr. Sascha Stowasser: Die ursprüngliche Kernaufgabe der Führung bleibt die gleiche, nämlich den Mitarbeitern die Strategie und die Korridore des Handelns klarzumachen. Ihre Rolle hat sich aber dahingehend verändert, dass wir neuartige Arbeitssituationen haben. Die Führung muss viel mehr darauf eingehen, dass die Mitarbeiter vielleicht gar nicht vor Ort sind. Wie führe ich mobile Mitarbeiter, Teilzeitbeschäftigte oder Personen, die überhaupt nicht Beschäftigte des Unternehmens sind, sondern zum Beispiel Dienstleister? Diese Frage ist sehr vielschichtig. Das können viele der heutigen Führungskräfte nicht, wie wir auch in einer Befragung in unserem Projekt Prävention 4.0 herausgefunden haben.  Zudem hat sich ihre Rolle insofern verändert, als dass sie den Beschäftigten Vertrauen schenken müssen. Gemeinsam neue Prozesse entwickeln heißt, ich mache das nicht selbst, sondern gebe Vertrauen in die Beschäftigten und weiß auch, die bekommen das hin. Das ist eine Rolle die sich in den letzten Jahren stark gewandelt hat – weg von diesem patriarchalischen hin zu einem partizipativen Führungsstil.

Was empfehlen Sie Unternehmen, auch mit Blick auf die bisherigen Projektergebnisse, um 4.0-Prozesse zugleich produktiv und präventiv zu gestalten?

Prof. Dr. Sascha Stowasser: Dafür sind drei Punkte wichtig: Stabile Prozesse, Veränderungskultur und letztlich das Vorausschauen. Der Irrglaube, die Digitalisierung und Industrie 4.0 retten die Welt, liegt danieder, wenn ich nicht meine Prozesse kenne oder die Prozesse instabil sind. Alles basiert auf stabilen Prozessen. Der zweite  wesentliche Punkt ist, dass  wir Leute mitnehmen, was wir auch unter dem Präventivansatz gelernt haben. Ohne eine vernünftige Veränderungs- und Digitalisierungskultur bekommen es die Unternehmen nicht hin – weder das produktive noch das präventive Sinnvolle oder die Mitarbeiterzufriedenheit. Und drittens müssen wir, wenn wir Prozesse präventiv einführen, auch recht früh vorausschauend und präventiv in die Gefährdungsbeurteilung reingehen. Wir müssen schon früh Technologieabfolgen im Unternehmen abschätzen und mitdenken, was da im Sinne des Arbeits- und Gesundheitsschutzes auf uns zukommen kann.

Kerstin Guhlemann: Da habe ich nur noch zwei Punkte hinzuzufügen: Erstens muss ein Umdenken stattfinden. Wenn die Prozesse digital werden, dann muss auch die Gestaltung digital werden, ein Stück weit die Führung und der Arbeitsschutz. Wenn die Steuerung durch die 4.0-Systeme übernommen wird, muss präventive Gestaltung, wie Herr Stowasser angesprochen hat, frühzeitig und unter Beteiligung der Akteure erfolgen. Unternehmen empfehlen wir natürlich unsere Projektprodukte zu nutzen. Zu den Themen Prävention schreiben wir etwa hundert Factsheets, die auf der Seite Offensive Mittelstand und unserer Webseite www.praevention40.de veröffentlicht und ganz unterschiedliche Handlungsfelder umfassen werden: Organisation, Führung, Kultur, Sicherheit und Gesundheit. Hier werden unterschiedliche Sichtweisen von Arbeitnehmern, Arbeitgebern, Sicherheit und Gesundheit, Handwerk und Mittelstand einfließen. Zudem haben wir gerade ein Buch „Prävention 4.0“ im Springer Verlag herausgebracht, das auch die verschiedenen Sichtweisen auf das Thema vereint. Am Ende des Projektes ist dann auch ein Selbstbewertungsinstrument für Unternehmen fertig, voraussichtlich Mitte 2019. 

Neugierig geworden, wie Prävention in der digitalisierten Arbeitswelt gelingen kann? Das kürzlich veröffentlichte Buch „Prävention 4.0“ enthält zahlreiche Beispiele und praxisnahe Empfehlungen zur menschengerechten Gestaltung der intelligenten Vernetzung von Mensch, Maschine und Organisation. Bestellmöglichkeiten finden Sie hier. Weitere Informationen zum Projekt Prävention 4.0 erhalten Sie unter www.praevention40.de.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich