Überbetrieblicher Tätigkeitswechsel als innovatives Arbeitskonzept. Interview mit Dr. Veit Echterhoff und Tim Wulf zum Projekt TErrA

Mit dem demografischen Wandel und der Digitalisierung der Arbeitswelt gewinnen innovative Alters- und Alternsmanagement-Konzepte für Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Zahlreiche berufliche Tätigkeiten können immer häufiger nicht mehr bis zum Renteneintrittsalter leistungsfähig ausgeübt werden. Durch neue Wege, wie überbetriebliche Tätigkeitswechsel, kann die langfristige Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit entscheidend verbessert werden. Das Verbundprojekt TErrA entwickelt und erprobt erstmalig Modelle überbetrieblicher Tätigkeitswechsel und setzt Impulse für die erforderlichen sozialpolitischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen.

Als Praxispartner sind die thyssenkrupp Steel Europe AG und die EDG Entsorgung Dortmund GmbH beteiligt. Wir wollen von Dr. Veit Echterhoff, Leiter des Personalcenters im Ressort Personal und Soziales bei der thyssenkrupp Steel Europe AG, sowie Tim Wulf, Projektmanager aus dem Personalbereich der EDG, wissen, wie die sich wandelnde Arbeitswelt auf ihr Personal- und Gesundheitsmanagement auswirken und welche Chancen ihnen das Projekt TErrA bietet.

Innovative Arbeitskonzepte, wie sie das Projekt TErrA erarbeitet, sind vor allem im Zuge des demografischen Wandels erforderlich.Vor welchen Herausforderungen steht Ihr Unternehmen konkret?

Dr. Veit Echterhoff (thyssenkrupp Steel Europe AG): Die Herausforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt, sind vielfältig. Unter anderem kommt es zu einer längeren Lebensarbeitszeit für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Ebenso stehen viele Mitarbeiter in unserem Unternehmen vor der Pensionierung, wichtiges Erfahrungswissen droht, verloren zu gehen. Unter dem Personalprogramm „prozukunft“ bündeln wir daher seit vielen Jahren unsere Aktivitäten, um den Herausforderungen zu begegnen.
Gesundheitsprävention ist dabei ein wichtiger Lösungsansatz und Baustein zum Beispiel in unserem Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Das Projekt TErrA verfolgt ebenfalls den präventiven Weg und passt daher sehr gut in unsere Aktivitäten. Letztlich verfolgen wir das Ziel, Mitarbeiterbiografien zu gestalten, die den Menschen dauerhaft gesund erhalten.

Tim Wulf (EDG): Die Anforderungen an die EDG, den kommunalen Entsorger in Dortmund, ändern sich schon jetzt in vielen Bereichen: So kommt es z. B. zu einem höheren Abfallaufkommen auf der Straße, das durch die Straßenreinigung zu bewältigen ist. Bei der Müllabfuhr sind aufgrund der zunehmend älteren Bewohner Tendenzen hin zum Service an der Haustür zu erkennen.

Dem entgegen steht jedoch, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der EDG älter werden (heutiger Altersdurchschnitt bei ca. 47 Jahren) und aufgrund der schweren körperlichen Tätigkeiten tendenziell weniger belastbar sind. Damit wird auch die auseinanderdriftende Tendenz zwischen der steigenden Leistungsnachfrage und der rückläufigen Möglichkeiten der Leistungserbringung deutlich, der wir uns präventiv zuwenden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen nach Möglichkeit bis zur Rente beschäftigt werden und anschließend im Idealfall gesund in den Ruhestand eintreten. Innerhalb des Unternehmens sind die Möglichkeiten dieses Ziel zu erreichen jedoch begrenzt. Daher findet sich in dem Projekt TErrA ein sehr interessanter und innovativer Ansatz, den wir gerne mit unseren Erfahrungen aus internen Tätigkeitswechseln unterstützen.

Dr. Veit Echterhoff von thyssenkrupp Steel Europe AGWarum haben Sie sich entschieden bei TErrA mitzuwirken?

Dr. Veit Echterhoff (thyssenkrupp Steel Europe AG): Die Stahlsparte der thyssenkrupp AG ist ein zukunftsorientiertes Industrieunternehmen und gehört zu den weltweit führenden Anbietern von Qualitätsflachstahl. Innovationen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Unternehmenserfolges. Das gilt nicht nur für unsere Produkte – sondern auch für den Umgang mit unseren Mitarbeitern. Wir sind daher gerne mit dabei, wenn es um die Entwicklung neuer Ideen zur Gesunderhaltung geht, denn Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz haben bei uns gemäß unserem Leitbild höchste Priorität.

Der innovative und präventive Ansatz von TErrA entspricht unseren Vorstellungen einer modernen und zukunftsorientierten Personalpolitik. Aufgrund unserer betrieblichen Strukturen mit überbetrieblichem Charakter steuern wir unsere Erfahrung im Umgang mit Leistungswandlung und innerbetrieblichen Tätigkeitswechseln bei. Zudem ermöglichen wir, als Praxispartner zusammen mit der EDG, den Zugang zum Betrieb, um neue Modelle und Methoden der Arbeitswissenschaft für TErrA zu erproben. thyssenkrupp Steel Europe profitiert dabei wechselseitig durch den Austausch im stetig wachsenden Netzwerk.

Tim Wulf von der EDGAnliegen des Projektes TErrA ist es, Beschäftigte mit vorhandenen oder drohenden gesundheitlichen Einschränkungen gezielt auf für sie passende Tätigkeiten in einem anderen Unternehmen vorzubereiten. Was genau ist Ihre Rolle als Unternehmen im Projekt?

Tim Wulf (EDG): Leistungsgewandelte Mitarbeiter, die nicht mehr in der Lage sind ihre ursprüngliche Tätigkeit auszuüben, werden bei EDG heute in der Regel nicht entlassen, sondern nach einem Stellenwechsel auch weiterhin wertschöpfend eingesetzt. Im Laufe der letzten Jahre haben wir so Erfahrungen gesammelt, die wir als Praxispartner bei der Frage nach überbetrieblichen Tätigkeitswechseln einbringen.

In einem gemeinsamen Workshop mit thyssenkrupp konnten auf Basis dieser Erfahrungen Handlungsfelder aufgedeckt werden, die bei internen Tätigkeitswechseln von entscheidender Bedeutung sind, und auch im Modell der überbetrieblichen Tätigkeitswechsel Berücksichtigung finden sollten. Unser Beitrag hilft also bei TErrA, die praktischen Erkenntnisse mit den wissenschaftlichen Ansätzen zu verknüpfen. Zudem können wir in unserem Betrieb mit aufgeschlossenen Mitarbeitern und einem interessierten Betriebsrat Tools erproben und gegebenenfalls weiterentwickeln, die später Anwendung bei der Vorbereitung und der Durchführung von überbetrieblichen Tätigkeitswechseln finden werden.

Welche Veränderungen für den Arbeitsmarkt kann das Projekt TErrA langfristig bewirken?

Dr. Veit Echterhoff (thyssenkrupp Steel Europe AG): Da die Menschen in Deutschland immer älter werden und sich dadurch auch die Lebensarbeitszeit verlängert, muss sich folgerichtig auch der Erwerbsverlauf anpassen. Die Zeiten, in denen ein Mensch 45 Jahre in einem Unternehmen die gleiche Tätigkeit verrichtet hat, sind vorbei. Lebenslanges Lernen, berufliche Weiterbildung und -entwicklung werden immer wichtiger. Tätigkeitswechsel fordern und fördern Körper sowie Geist und sie halten gesund.

Um den neuen Anforderungen zu begegnen, suchen wir Lösungen, die schon früh ansetzen, nämlich sprichwörtlich „bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Wir glauben, dass das Forschungsprojekt TErrA positiv auf den Arbeitsmarkt wirken kann. Insbesondere besteht eine gute Chance, auf diese Art auch Menschen, die anspruchsvolle und belastende Tätigkeiten haben, länger im aktiven Arbeitsmarkt halten zu können. Seit über einem Jahr wird im Projekt TErrA erfolgreich an den Methoden und Vorgehensweisen sowie an den Rahmenbedingungen gearbeitet, um die Erwerbsbiografien durch Tätigkeitswechsel präventiv zu gestalten.

Das auf drei Jahre angelegte Projekt TErrA hat vor über einem Jahr seine Arbeit aufgenommen. Vor welchen Herausforderungen steht das Projekt TErrA aktuell?

Tim Wulf (EDG): Geht man davon aus, dass leistungsgewandelte Mitarbeiter voll einsatzfähig sind, nur nicht mehr in ihrer ursprünglich ausgeübten Tätigkeit, die alternativen Einsatzmöglichkeiten im eigenen Unternehmen jedoch begrenzt sind, ist ein Netzwerk aus mehreren Unternehmen erforderlich, um überbetriebliche Tätigkeitswechsel zu ermöglichen. Die TErrA-Projektpartner sind daher bestrebt ein Netzwerk aufzubauen und dieses stetig zu vergrößern, um so regionale Kontakte und Verbindungen zwischen Unternehmen zu schaffen. Hierbei sind zum einen die Unternehmen angesprochen, die sich mit dem Thema einer begrenzten Tätigkeitsausübung und daraus resultierend mit Tätigkeitswechseln beschäftigen; gleichermaßen aber auch Unternehmen, die einen Bedarf an Fachkräften haben, der vom heutigen Arbeitsmarkt nicht gedeckt werden kann.

Eine weitere Herausforderung ist es, die passenden rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. So müssen unter anderem Fragestellungen aus dem Betriebs- und Arbeitsrecht sowie Finanzierungsmöglichkeiten für gegebenenfalls erforderliche Qualifizierungsmaßnahmen geprüft und geklärt werden. Vor diesem Hintergrund wird unser Projekt am 26. September eine Fachtagung veranstalten, in der unter anderem Finanzierungsmodelle, und Kooperationsformen diskutiert werden, um Möglichkeiten einer präventiven Gestaltung von Erwerbsverläufen aufzuzeigen.

Weitere Informationen zum Projekt TErrA finden Sie auf der Projekthomepage: www.taetigkeitswechsel.de

Hier können Sie sich zur Fachtagung „Vom Disability- zum Ability-Management: Präventive Gestaltung von Erwerbsverläufen“ am 26. September 2017 anmelden.