Interdisziplinarität - Wann fachübergreifendes Arbeiten erfolgreich ist

Aufgrund unserer immer komplexer werdenden Welt steigt die Nachfrage nach interdisziplinären Lösungsansätzen. Aktuelle Herausforderungen, wie Corona-Pandemie, Klimawandel oder Digitalisierung, lassen sich nicht durch einzelne Expertisen bewältigen.Trotz des großen Potentials, durch den Einbezug verschiedener fachlicher Perspektiven innovative Lösugen zu erreichen, bleiben interdisziplinäre Unternehmungen oftmals deutlich hinter ihren Erwartungen zurück. Welche Prozesse, Bedingungsfaktoren und Fördermöglichkeiten genau interdisziplinäre Zusammenarbeit erfolgreich machen, sind noch zu wenig bekannt. Das Projekt InKo - Interdisziplinäre Kompetenz erforscht interdisziplinäres Teamwork und unter welchen Bedingungen Interdisziplinarität erfolgsversprechend sein kann.

Interdisziplinarität muss besser verstanden werden

Um unseren modernen Herausforderungen zu begegnen, benötigen wir zwingend den Einbezug von vielfältiger fachlicher Expertise. Nur so sind ganzheitliche, innovative und damit zukunftsfähige Lösungen möglich. In der Realität aber zeigt sich interdisziplinäre Zusammenarbeit als problembehaftet, ressourcenintensiv und erfolgsungewiss. Durch Missverständnisse, Konflikte und Konkurrenz bleiben die Ergebnisse oft hinter den gesteckten Erwartungen zurück und viele Kooperationen verlaufen für die Teilnehmenden frustrierend. Denn trotz des Rufes nach mehr interdisziplinärer Kompetenz werden Personen meist völlig unvorbereitet in einem interdisziplinären Kontext eingesetzt. Dies liegt zum einen an einem fehlenden Bewusstsein für die Komplexität dieser Arbeitsform und zum anderen daran, dass bisher nicht ausreichend geklärt war, welche Leistungsvoraussetzungen in einem interdisziplinären Setting bestehen. Soll Interdisziplinarität erfolgreich verlaufen, braucht es ein größeres Verständnis von Charakteristiken, spezifischen Herausforderungen und bedeutsamen Einflussfaktoren für fachübergreifende Kollaborationen.

Typische Problemfelder interdisziplinärer Zusammenarbeit

Interdisziplinäre Projektgruppen aus ganz unterschiedlichen Bereichen berichten häufig von den gleichen Barrieren. Beispielsweise bei der Verständigung: durch Fachsprache, unterschiedlicher Verwendung gleicher Begriffe und sogar durch unterschiedliche Arten und Funktionen von Kommunikation kommt es zu Missverständnissen. Verschiedene Perspektiven und Beschreibungsebenen machen es schwierig, sich auf ein gemeinsames Projektziel oder geeignete Arbeitsmethoden zu einigen. Ein tieferliegendes Problem jedoch sind die unterschiedlichen disziplinären Kulturen. Fachvertreter unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Motive, Werte und Überzeugungen und nehmen ihre Sichtweise häufig als die „einzige“ und damit als die „richtige“ wahr. Da Menschen ihren Selbstwert auch durch die Zugehörigkeit zu ihrer gewählten Profession ziehen, können fachliche Auseinandersetzungen schnell unvorhersehbaren emotionalen Gehalt bekommen. Mangelndes Hintergrundwissen bringt stereotype Annahmen, Vorurteile und falsche Erwartungen mit sich und begünstigt Rollenkonflikte. Werden diese Konflikten nicht als interdisziplinär erkannt und entsprechend gelöst, können die Zufriedenheit und Leistung des Teams schnell absinken.

Erfolgbedingungen müssen ganzheitlich geschaffen werden

Soll Interdisziplinarität erfolgreich verlaufen, ist es ratsam auf allen Ebenen anzusetzen. Für kompetentes interdisziplinäres Handeln ist nicht nur die Fachexpertise des Individuums notwendig. Es braucht auch die richtige Einstellung zur fachübergreifenden Zusammenarbeit. Hilfreich sind eine neugierige und offene Haltung sowie die Fähigkeit, flexibel und gelassen auf unbekannte Umstände zu reagieren. Man sollte Spaß an kritischem, kreativem oder abstraktem Denken haben. Kommunikative und kooperative Fähigkeiten, die einen integrativen Umgang mit allen beteiligten Personen und Meinungen sicherstellen, sind ebenso nötig, wie Kompetenzen, sich selbstreflektiert und wertschätzend auf die Weltsicht anderer einzulassen. Solche Kompetenzen lassen sich durchaus fördern. Ein Training für bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit kann helfen, sich mit der eigenen Disziplin kritisch auseinanderzusetzen, Verständnis für andere Sichtweisen aufzubauen und Methoden kennenzulernen, wie Synergien möglich sind. Hintergründe von interdisziplinären Problemen werden vermittelt und es kann erlernt werden, interdisziplinäre Herausforderungen zu analysieren sowie Lösungen und hilfreiche Handlungsweisen zu entwickeln.

Aber auch auf Ebene des Teams kann angesetzt werden: Interdisziplinäre Zusammenarbeit findet nicht in einem luftleeren Raum statt. Vorhandene Machtstrukturen setzen sich im Team fort: höher angesehene Disziplinen dominieren meist den Prozess und die Lösungsfindung. Kleinere oder Nischendisziplinen oder auch Personen von geringerer hierarchischer Stellung werden überhört oder nicht ernst genommen. Eine gute Verteilung der Fachbereiche und die Anwendung von Moderationstechniken, die einen ausgewogenen Diskurs fördern, sind hier nützlich. Gemeinsame Workshops im Team können der Reflexion dienen, die Rollenklarheit der Teammitglieder stärken und den Perspektivwechsel fördern. Auch verschiedene Teamübungen stärken die Zusammenarbeit (Essay von Dr. Mijam Braßler; pdf).

Daneben ist es wichtig zu erwähnen, dass auch strukturelle Einflussfaktoren bedeutsam sind. Nur wenn Interdisziplinarität institutionell gut eingebunden wird, werden die notwendigen Ressourcen bereitgestellt. Interdisziplinäre Projekt sind in der Regel länger und teurer, bis sie vorzeigbare Ergebnisse produzieren. Nur mit Verbindlichkeit der Organisation, der Führung und des Teams zur Interdisziplinarität gelingt es, auch schwierige Projektphasen zu überstehen.

Interdisziplinarität darf kein Selbstzweck sein

Der bedeutendste Einflussfaktor jedoch ist einer, der leider viel zu häufig übersehen wird. Interdisziplinarität ist nur dann erfolgsversprechend, wenn sie tatsächlich einen Mehrwert bieten kann. Nur bei einem Thema, das nach fachübergreifenden Lösungen ruft, kann Synergie auch wirklich stattfinden. In der heutigen Zeit wird Interdisziplinarität viel zu häufig unreflektiert, beinahe ideologisch, verfolgt: Teams oder Projekte sind jetzt interdisziplinär, weil das als modern, innovativ und damit als gut gilt. Dabei ermöglichen in vielen Fällen gerade Spezialisierung und Expertentum die notwendigen Lösungen. Es muss also immer kritisch geprüft werden, ob ein interdisziplinäres Setting für das Projektziel auch wirklich sinnvoll ist. Und wenn ja, welche Fachbereiche nötig sind. Wir brauchen in unserer Welt Interdisziplinarität und Disziplinarität, wir brauchen Generalisten und Spezialisten. Es sollte in Zukunft also mehr Wert daraufgelegt werden, den richtigen Umgang mit Interdisziplinarität zu finden und zu fördern.

Haben auch Sie wertvolle Impulse für die Praxis? Call for Manuscripts in der Publikationsreihe Interdisziplinäre Lehre - eine Plattform für die Vielfalt interdisziplinärer Zugänge, Arbeitsformen, Erfahrungen und Impulse.

 

Dr. Simone Brandstädter promovierte zum Thema "Interdisziplinär erfolgreich – Modellierung, Validierung und Förderung interdisziplinärer Handlungskompetenz" über die Fähigkeit zu interdisziplinärem Arbeiten. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung „Arbeitsforschung und Organisationsgestaltung“ am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Schwerpunkte ihrer Forschung sind u.a. Erfolgsfaktoren fachübergreifender Zusammenarbeit, Trainings interdisziplinärer Kompetenzen, Life Balance und psychische Belastung am Arbeitplatz.