Home-Office in Zeiten von Corona - Zeit zum Umdenken?!

Heimarbeitsplatz mit Kaffeetasse

Vor dem Hintergrund der derzeitigen Corona Krise ist die Debatte um eine flächendeckende Home-Office Umsetzung neu entfacht worden. Arbeitnehmer, die bisher keine Berührungspunkte mit Telearbeit hatten, wurden gewissermaßen zwangsweise ins Home-Office versetzt. Der öffentliche Dienst hinkt der Privatwirtschaft beim Thema „Home-Office“ hinterher, so dbb Chef Ulrich Silberbach. Hinter Home-Office steckt oft der Wunsch nach mehr zeitlicher Autonomie und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Welchen Herausforderungen sich die Privatwirtschaft und der öffentlichen Dienst bei der konkreten Umsetzung von Home-Office gegenüber sehen, berichtet Hr. Dr. Mario Seger, Leiter der Abteilung Weiterbildung und Duales Studienzentrum an der Hochschule Darmstadt, im Interview.

 

Sehen Sie die Corona Krise als Gelegenheit ein Umdenken beim Thema "Home-Office" anzustoßen?
  Mario Seger: Aus meiner Perspektive hat Covid-19 - und seine Auswirkungen
  auf das soziale und wirtschaftliche Wirken der Bürger*innen im beruflichen wie
  privaten Umfeld - längst den Status der „Gelegenheit“ des Umdenkens über-
  wunden. Das Besondere in der Corona-Situation war und ist die Unmittelbar-
  keit der Handlungsnotwendigkeit. Und – mich verwundert das in keiner Weise -
  der in Wirtschaft und Verwaltung oftmals schon organisationsumfassende
  Charakter der Umstellung auf Home-Office hat, nach meiner Einschätzung, in
  der überwiegenden Mehrheit der Fälle aufgrund des großem Engagements
  aller Beteiligten recht reibungslos funktioniert, trotz der ernormen Umsetzungs-
geschwindigkeit. Über den Punkt der „Gelegenheit“ sind wir, wie erwähnt, meiner Ansicht nach hinaus. Home-Office, wohl dosiert und gut organisiert, ist meines Erachtens eine der wichtigsten Stellschrauben für die Lösung vieler Herausforderungen, denen wir heute und in nächster Zukunft gegenüberstehen. Die Vorteile einer zeitgemäßen Form der orts- und zeitunabhängigen Organisation von Arbeit können nicht mehr ignoriert werden, für Beschäftigte und Organisationen, aber beispielsweise auch was Umwelt, Stadtentwicklung oder Verkehrsplanung angeht.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Argumente für Unternehmen bzw. den öffentlichen Dienst mobile Arbeit zu nutzen?

Mario Seger: Wir lernen mobil, wir verkaufen und kaufen mobil, wir lesen und schreiben mobil, wir kommunizieren mobil. Wir nutzen in allen möglichen Situationen die Vorteile von Mobilität. Der Mensch an sich ist in seinem Grundsatz auf Mobilität ausgelegt und entwickelt diese Technik kontinuierlich weiter. Vor mobiler Arbeit die Augen zu verschließen ist allein schon vor diesem evolutionären Hintergrund inkonsequent. Zentral ist aus meiner Perspektive die Frage: Warum sollen wir uns, die Chance vertun, Menschen wieder eine bessere Vereinbarkeit der beruflichen und privaten Lebenswelt zu ermöglichen und sie damit nicht nur motivierter, kreativer und produktiver werden zu lassen, sondern auch glücklicher und zufriedener zu machen?
Darüber hinaus hat Covid-19 im Hinblick auf unsere Unternehmen wie auch auf unseren öffentlichen Dienst sehr deutlich, sehr schnell und in beeindruckender Weise gezeigt: auf der Basis von mobiler Arbeit haben Organisationen auch in Extremsituationen die Chance uneingeschränkt handlungsfähig zu bleiben. Das galt und gilt selbstverständlich auch in „normalen“ Zeiten. Die Relevanz von mobiler Arbeit für stabile wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse ist selbsterklärend.
Ebenso nehme ich wahr, dass die vielfältigen Vorteile für Beschäftigte wie Arbeitgeber - welche wir der Re-Organisation von Arbeit und Familie, im Wechselspiel zwischen häuslichem und betrieblichen Arbeiten mittlerweile seit einigen Jahrzehnten attestieren - auch in der Breite der Umsetzung in den meisten Fällen real geworden sind. Dazu zählen beispielsweise eine Erhöhung der individuellen Flexibilität und damit einhergehend eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine Reduktion von beruflicher und familiärer Belastung. Aber auch die Steigerung der Leistungsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit, sowie die Verbesserung der Arbeitsprozesse und Ergebnisqualität sind nennenswerte Vorteile der Heimarbeit.

Home-Office hat bisher eher im höheren Dienst der Verwaltung Einzug gehalten, obwohl der Bedarf bei allen Laufbahngruppen des öffentlichen Dienstes besteht. Vor welchen Herausforderungen steht die öffentliche Verwaltung bei einer flächendeckenden Umsetzung von Home-Office?

Mario Seger: Diese Aussage trifft nach meiner Einschätzung durchaus auf die Zeit vor dem Lockdown zu. Ich muss gestehen, jetzt in der Situation mit Covid-19 schätze ich die Situation anders ein als Herr Silberbach. Was ich in den vergangenen Monaten beobachten konnte, war eine sich über alle Laufbahngruppen erstreckende Mobilisierung des öffentlichen Dienstes in Richtung Home-Office. Im Weiteren habe ich gesehen, dass alle nennenswerten Herausforderungen, dazu gehören beispielsweise die Gewährleistung einer sicheren IT-Infrastruktur, aber auch Themen wie Datenschutz und die Schaffung eines geeigneten Arbeitsplatzes im häuslichen Umfeld, in einem überschaubaren Zeitrahmen mit großer Kompetenz gemeistert wurden.
Ich wage zu behaupten: Wer heute mobile Arbeit im großen Stil realisieren will, steht zwar vor einem Berg an Arbeit, aber nicht mehr vor großen Herausforderungen. Das Handwerkszeug und das Know-how ist da. Was es braucht sind beherzt zupackende, mutige und sukzessive geschulte Führungskräfte, die zielorientiert und auf der Basis von Vertrauen führen können und wollen.

Welche Kompetenzen sind seitens der Telearbeitenden, sowie deren Kollegen und Führungskräfte erforderlich, um einen gesunden und effektiven Heimarbeitsplatz zu schaffen?

Mario Seger: Mobiles Arbeiten ist nicht zwingend eine Form des Arbeitens, die jedem Beschäftigten liegt. Es gibt Menschen, die strukturiert und selbstorganisiert arbeiten können und wollen. Es gibt auch Menschen, die das weniger gut beherrschen oder Menschen, die eine solche Form des Arbeitens für sich überhaupt nicht in Anspruch nehmen möchten. Eine Führungskraft sollte das in seinem Umfeld einschätzen können und die notwendigen Kompetenzen seiner Mitarbeiter*innen für mobiles Arbeiten schulen lassen. Neben einer selbständigen, zuverlässigen und verantwortungsbewussten Persönlichkeit gehört zu den nötigen Qualifikationen zum Beispiel die Kompetenz seine Arbeit selbst zu organisieren und zu priorisieren, zielorientiert zu arbeiten oder die Fähigkeit ebenso gut alleine wie auch im Team arbeiten zu können. Es ist wichtig seine Ziele selbst überwachen und steuern zu können, Überbelastungen frühzeitig zu erkennen und ein Arbeitsende zu finden. Und schließlich ist auch eine gewisse IT-Affinität von Vorteil.
Zentral ist meiner Meinung nach auch das Denken im Team. Unter Covid-19 haben wir vielerorts eine besonders schnelle Umwälzung der Arbeitssituationen erlebt. Ohne im Team zu arbeiten, im Team zu denken, sich als Team zu fühlen hätten wir ein immenses Chaos erlebt. Und das ist ein wirklich bemerkenswertes Paradox: die individualisierte Arbeitspraxis im Rahmen der mobilen Arbeit funktioniert nur dort wirklich gut, wo das Team steht.
Ein gesunder Arbeitsplatz muss selbstverständlich auch ergonomisch angemessen sein. Arbeiten am Küchentisch oder auf dem Sofa? Das wird nur Tage dauern bis wir die Auswirkungen auf unsere Körper leidlich spüren werden. Für die Gesundheit ist aber auch Kommunikation und Bewegung wichtig. Wie im Büro der Dienststelle sollten wir vermeiden, über Stunden lediglich an unseren Rechnern zu sitzen. Der Austausch auf dem Flur, im Konferenzraum, in der „Teeküche“ ist für die körperliche und geistige Gesundheit nicht zu unterschätzen. Telefon, Web-Konferenzen und beispielsweise auch ein Headset, das uns Bewegungsfreiheit ermöglicht, können im Home-Office helfen eine gesunde Arbeitssituation herzustellen.
Schließlich sollte im Kontext des Home-Office bei sich ändernden Rahmenbedingungen niemand gegen seinen Willen dauerhaft in einer Arbeitssituation gehalten werden, die für sie bzw. ihn nicht mehr geeignet ist. Führungskräfte und Beschäftigte sollten sich auch immer vorbehalten, individuelle Entscheidungen für das ein oder andere Beschäftigungsmodell bei Bedarf zu korrigieren.

Was ist in der aktuellen Corona-Situation konkret zu tun, um eine psychische Entlastung der Beschäftigten im Home-Office zu bewirken?

Mario Seger: Es sollten nur diejenigen im Home-Office arbeiten, die das können und es sich zutrauen bzw. die Beschäftigten, die mithilfe entsprechender Schulungs- und Unterstützungsangebote eine Option für sich sehen. Für Mitarbeiter*innen, die nicht mobil arbeiten möchten oder können, müssen wir corona-gerechte Arbeitsbedingungen in den Dienststellen schaffen - was sich bei einer stärkeren Umsetzung mobiler Arbeitsformen letztlich unproblematisch gestaltet. Führungskräfte haben dann die Aufgabe, den Laden, d.h. das Team, zusammenzuhalten. Führungskräfte sollten den regelmäßigen individuellen Austausch mit den Mitarbeiter*innen suchen, den kontinuierlichen Austausch im Team via Web-Meetings ermöglichen und den Austausch zwischen den Beschäftigten fördern. In all diesen Situationen sollte – auf freiwilliger Basis – auch das Gespräch und der Austausch über die Gestaltung der Arbeitssituationen im Home-Office und in der Dienststelle gesucht werden. Vorgesetzten wie Beschäftigten kann letztlich nichts Besseres passieren, als das sich die gelebte Best-Practice sukzessive im Team etabliert.

 

 

Hr. Dr. Seger ist Leiter der Abteilung Weiterbildung und Duales Studienzentrum an der Hochschule Darmstadt. Aufbauend auf seiner Dissertation hat sich Hr. Dr. Seger in verschiedenen Quer- und Längsschnittstudien mit den Auswirkungen von Telearbeit auf die Beschäftigten und die Dienststellen der hessischen Landesverwaltung beschäftigt.

Das Interview führte Mareike Pfaff