Präventiver Arbeits- und Gesundheitsschutz für eine Berufsbildung 4.0 - das Projekt IntAGt

Digitaler Arbeitsplatz

Digitale Technologien bestimmen die moderne Arbeitswelt und stellen u.a. Industriearbeiter vor neue Herausforderungen. Es gilt Auszubildende, Techniker und Meister über arbeitsbezogene Belastungen zu informieren und Kompetenzen zur gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung zu vermitteln. Raphael von Galen (Institut Technik & Bildung, Uni Bremen) und Stefan Glindkamp (Berufsbildende Schulen des Landkreises Osnabrück) berichten, welche anwendungsorientierten Lösungen das Projekt IntAGt erarbeitet hat.

Die digitale Transformation führt zum Wandel der Arbeitswelt. Welche Veränderungen ergeben sich für Facharbeiter der industriellen Produktion?

Raphael von Galen: Wir haben uns im Projekt angeschaut, in welchem Maße die Arbeit in hochautomatisierten Produktionssystemen den Kriterien menschengerechter Arbeit entspricht. Unsere zahlreichen Arbeitsanalysen haben gezeigt, dass der mit der digitalen Transformation verbundene Komplexitätsanstieg zu einer höheren Beanspruchung der Beschäftigten führen kann. Da die in der Produktion eingesetzten Anlagen fortlaufend erneuert werden, kommt es gerade in der Einführungsphase zu handlungserschwerenden Bedingungen. Solange in der industriellen Produktion alles so läuft wie geplant, bestehen häufig nur sehr geringe Denkanforderungen an den Facharbeiter. Dies ändert sich schlagartig sobald eine Störung im Standardablauf vorliegt. Es besteht die Gefahr, dass die Facharbeit im Spannungsverhältnis zwischen Unterforderung und Überforderungen steht.

Stefan Glindkamp: Mit der digitalen Transformation wandelt sich zudem die Rolle des Menschen in der Produktion. An der Mensch-Maschinen-Schnittstelle werden Steuerungs- und Kontrollaufgabe immer wichtiger, sodass ein hohes Prozessverständnis unabdingbar ist. Außerdem werden die Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit durch die notwendige Spezialisierung immer größer.

Wie wird in Aus- und Weiterbildung auf diese Veränderungen eingegangen?  

Stefan Glindkamp: Die berufliche Bildung steht im Angesicht der digitalen Transformationen vor großen Herausforderungen, welche z.B. durch die Teilnovellierung der Berufe angegangen wird. Um kompetenzorientiert auszubilden, werden in der Praxis immer mehr prozessorientierte Lernformate entwickelt und umgesetzt. So erlernen z.B. die Mechatroniker hier an der Berufsschule Brinkstraße in Osnabrück an einer Lernfabrik u.a. die Programmierung von vernetzten Automatisierungssystemen sowie die Inbetriebnahme und Integration von kollaborativen Robotern.

Raphael von Galen: Unberücksichtigt bleibt leider jedoch oft die Frage, wie sich die Veränderungen der Arbeitswelt auf den Menschen auswirken und wie Unternehmen und Mitarbeitende gemeinsam auf eine gute Arbeitsgestaltung hinwirken können. Zudem erstreckt sich die Thematisierung von Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Regel nur auf physische nicht aber die psychischen Gefährdungen. Das reicht nicht aus! Eine zukunftsfähige Aus- und Fortbildung muss darauf vorbereiten, arbeitsbezogene Belastungen – genau wie persönlichkeitsförderliche Aspekte der Arbeit – erkennen und beeinflussen zu können. Nur so kann eine humane Digitalisierung funktionieren.

Was trägt Ihr Projekt IntAGt bei? Welche Instrumente und Methoden haben Sie entwickelt?

Raphael von Galen: Das Projekt IntAGt setzt genau an der Schnittstelle zwischen kompetenzorientierter Aus- und Fortbildung im Kontext der digitalen Transformation sowie der Förderung einer gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltungskompetenz an. In Zusammenarbeit mit Berufsschulen und Betrieben haben wir Workshop-Konzepte sowie prozessorientierte Lernaufgaben entwickelt, die sowohl fachliche Kompetenzen fördern als auch die Kompetenzen Belastungen bei der Arbeit zu erkennen, zu beschreiben sowie problemgerechte Maßnahmen zu entwickeln und zu kommunizieren.

Stefan Glindkamp: Zur Umsetzung dieses handlungsorientierten Ansatzes, haben wir gemeinsam eine Lernsituation entwickelt, bei der die Lernenden einen Frequenzumrichter an einer Cyber-Physical-Factory in Betrieb nehmen müssen. Durch diverse Manipulationen und Gemeinheiten haben wir dabei die Lernenden unter Stress gesetzt. Dieses geplante Erleben von psychischen Belastungen bei der Arbeit diente dann als Ausgangspunkt, um sich näher mit dem Thema zu beschäftigen.

Wie können Ihre Ergebnisse und Produkte langfristig zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsförderung in der Industrie beitragen?

Raphael von Galen: Die entwickelten Konzepte und Lernmaterialen stehen Betrieben und Berufsschulen frei zur Verfügung, um das Thema psychische Belastungen und gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeit aufzugreifen. Die arbeitsprozessorientierten Lernsituation und Lernmaterialen finden sich auf unserer Projekt-Homepage. Damit das Thema psychische Belastungen auch wirklich fester Bestandteil der beruflichen Bildung wird, müssen die Ordnungsmittel dementsprechend angepasst werden. Erst dann haben die Fachkräfte von morgen auch einen Anspruch darauf, dass in der Ausbildung Kompetenzen zur gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung gefördert werden.

Neugierig geworden? Dann informieren Sie sich auf der Projektwebsite:
https://www.projekt-intagt.de/.

Das Interview führte Alexander Purbs.