Gesundes, technikunterstütztes Arbeiten in der ambulanten Pflege – das Projekt ITAGAP

Krankenschwester hält Smartphone in der Hand

Vor allem im Pflegebereich sind die Auswirkungen des demografischen Wandels spürbar. Die Nachfrage nach Pflegeleistungen wächst stark an, gleichzeitig gibt es immer weniger Personal, um diese Aufgaben zu bewältigen. Für Pflegeunternehmen ist es umso wichtiger, die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu sichern. Welche Lösungen bestehen, um Pflegepersonal insbesondere durch den Einsatz digitaler Technologien zu entlasten, erläutert uns Dr. Lena Marie Wirth, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Organisation und Personal der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Maraike Siemer, Projektmitarbeiterin der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (Fachbereich Forschung und Entwicklung):

Maraike Siemer, Projektmitarbeiterin der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (Fachbereich Forschung und Entwicklung)Das Projekt ITAGAP erprobt technikunterstütztes Arbeiten in der ambulanten Pflege. Was können digitale Technologien für die gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung leisten?

Maraike Siemer: Unseren Erkenntnissen nach sind es vor allem computergestützte Technologien, die in den Diensten verwendet werden und bei denen aktuell nicht das volle, entlastende Potenzial ausgeschöpft wird. Die ambulanten Pflegekräfte der involvierten Praxispartner arbeiten alle mit einem Mobilen Digitalen Assistenten (MDA), welches in der Regel ein Handy ist. Das MDA strukturiert die Tour, erhebt die Arbeitszeit, ermöglicht Kommunikation zur Führungskraft und den Kollegen und bereitet die Abrechnung der Leistungen vor. Es werden Potenziale, beispielsweise zur besseren Nutzerorientierung (Usability), Vernetzung und zum internen und externen Datenabgleich, wahrgenommen. Diese scheitern aktuell an rechtlichen Voraussetzungen und der finanziellen sowie teilweise damit verbundenen zeitlichen Ausstattung der Dienste. 

Dr. Lena Marie Wirth, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Organisation und Personal der Carl von Ossietzky Universität OldenburgWo stehen Beschäftigte in der Pflege den größten Belastungen gegenüber?

Dr. Lena Marie Wirth: Wir haben in unserem Projekt vor allem beobachten können, dass die Veränderungen im Gesundheitssystem und neue Technologien physische und psychische Belastungen bedingen. In unseren quantitativen Befragungen wurde deutlich, dass 38,8 Prozent (n=592) der befragten Mitarbeiter sich körperlich und 32,6 Prozent (n=592) emotional sehr oft oder oft erschöpft fühlen. Davon betroffen sind sowohl Führungskräfte als auch Fach- und Hilfskräfte. Sehr alarmierend ist vor allem, dass in den Bereichen kaum Weiterbildungsangebote zum individuellen Ressourcenaufbau vorhanden sind.

In Bezug auf neue Technologien werden die MDAs als „Fluch und Segen“ eingeschätzt. Ständige Erreichbarkeit verbunden mit einem hohen Druck für seine Kollegen und Führungskräfte einzuspringen ist in einem schlecht besetzten Schichtdienst sehr anforderungsreich. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiter häufig ihre intrinsische Motivation und Sinnhaftigkeit der Arbeit durch die Wertschätzung vonseiten der Patienten definieren. Diese werden durch häufige Krankenstände, Vertretungen, weniger Patientenorientierung und die Einschränkungen im Gesundheitssystem allgemein frustriert. Die Wut und Hilflosigkeit wird dann an die Pflegekräfte weitergegeben, die selbst unter Druck stehen, sich einige Entwicklungen selbst nicht erklären können und zur Sicherung der Wertschätzung (Sinnhaftigkeit und Motivation) ihre eigene Gesundheit gefährden.

Immer mehr Personen arbeiten freiwillig über ihre persönlichen und gesundheitlichen Belastungsgrenzen hinaus – Stichwort „Interessierte Selbstgefährdung“.  Wie zeigt sich dieses selbstgefährdende Verhalten bei den Praxispartnern im Projekt ITAGAP?

Dr. Lena Marie Wirth: Bereits innerhalb der ersten Projektwochen wurde für das ITAGAP-Team deutlich, dass das Thema „Interessierte Selbstgefährdung“, das heißt, dass die Mitarbeiter verstärkt die eigene Gesundheit für die Erreichung betrieblicher Ziele in die Bresche werfen (Peters, 2011), eine Rolle spielt. Dieser Verdacht hat sich in der Analysephase bestätigt, woraufhin wir das Autonomieinstitut COGITO e.V. unter der Leitung von Dr. Klaus Peters kontaktiert haben. Die Kollegen von COGITO waren ebenfalls an den Besonderheiten der Mechanismen in den Gesundheits- und Heilberufen interessiert. Es wurde ein intensiver Austausch in Gang gesetzt, der letztlich sogar in einer Kooperation der Forschungsprojekte Prentimo (Teilprojekt COGITO) und ITAGAP gemündet ist.

Innerhalb von gemeinsam geplanten und durchgeführten Denkwerkstätten haben wir herausgearbeitet, dass die Vereinbarung von fachlichen Ansprüchen und betriebswirtschaftlichen Sachzwängen bei Pflegedienstleitungen und Mitarbeitern zu neuen Formen von Belastungen führen können. Die Führungskräfte und Mitarbeiter werden durch diesen Konflikt in der Steuerung der Arbeit in eine Situation gebracht, in der eine Gefährdung der eigenen Gesundheit häufig als einzige Bewältigung erachtet wird. Das Bedürfnis die Wertschätzung der Patienten sicherzustellen, als Konsequenz der intrinsischen Motivation zur Berufsausübung, verstärkt diesen Konflikt und in seiner Folge die interessierte Selbstgefährdung.

Wie können Unternehmen diesen Mechanismen entgegnen steuern bzw. vorbeugen? 

Maraike Siemer: Die Wissenschaftler vom COGITO-Institut gehen davon aus, dass jeder die Mechanismen der Interessierten Selbstgefährdung selbst durchdenken muss, um einen individuellen Umgang damit zu finden. Weiterhin vertreten sie die Ansicht, dass dieser Denkprozess begleitet stattfinden sollte. ITAGAP schließt sich dieser Einschätzung an und hat für die Praxispartner innerhalb des Projekts gemeinsam mit COGITO die Anstöße, den Raum zur Reflexion und Erarbeitung von Lösungsansätzen geschaffen. Von einer Suche nach allgemeingültigen Instrumenten raten wir ab. Organisationen sollten sich auf einen gemeinschaftlichen Denk- und Erkenntnisprozess einlassen in dem für die individuellen Belastungsproblematiken entsprechend individuelle Lösungen erarbeitet werden können.

Weitere Informationen zum Projekt ITAGAP erhalten Sie unter www.itagap-projekt.de. Auf der Meilensteintagung Arbeit 4.0 des BMBF-Förderschwerpunktes am 21. und 22. Juni 2018 wird ITAGAP gemeinsam mit dem Projekt Prentimo einen Workshop zum Phänomen der Interessierten Selbstgefährdung anbieten, in dem es konkret um den Zusammenhang von Autonomiebestrebungen und neuen Formen der Belastung geht.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.