Arbeit und Umwelt erfolgreich miteinander verknüpfen – Interview mit dem Projekt NaGut

Pflanze in Händen

Noch immer stehen betrieblicher Umweltschutz und existenzsichernde, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen oft unverbunden nebeneinander. Im Projekt NaGut „Nachhaltig Gut Arbeiten“ haben sich die Beteiligten aus Wissenschaft und Unternehmenspraxis zum Ziel gesetzt, diese Lücke zu schließen. Wir wollen von PD Dr. Guido Becke (Projektleitung), Yann Fingerhut und Susanne Nickel, die das NaGut-Projekt am Institut Arbeit und Wirtschaft (Universität Bremen) bearbeiten, wissen, wie sich gute Arbeit und Umweltinnovationen erfolgreich miteinander verknüpfen lassen.

Projektgruppe NaGutDas Projekt NaGut spricht von „arbeitsökologischen Innovationen“. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

PD Dr. Guido Becke: Unter arbeitsökologischen Innovationen verstehen wir betriebliche Neuerungen, die eine Entwicklung und Förderung guter Arbeitsbedingungen für Beschäftigte systematich mit ökologischen Verbesserungen verknüpfen. Das kann auf ganz vielfältige Art und Weise geschehen, angefangen bei der Beteiligung von Beschäftigten an der Planung und Umsetzung betrieblicher Umweltinnovationen über die Verbesserung des Arbeits- und Umweltschutzes durch die Vermeidung gesundheits- und umweltschädigender Stoffe bis hin zur Weiterqualifizierung von Beschäftigten im Bereich Nachhaltigkeit. Ein schönes Beispiel aus unserer neuen Broschüre „Arbeit und Ökologie – Betriebliche Beispiele guter Praxis aus Bremen" illustriert dies: Ein- Unternehmen hat Auszubildende zu Energiescouts qualifiziert. Das dabei verfolgte Ziel: Die Auszubildenden sollen Energieeinsparpotenziale erkennen, dokumentieren und zu Verbesserungen der Energieeffizienz anregen. Damit wird der Nachwuchs unmittelbar für Umweltschutzfragen sensibilisiert und lernt Umweltschutzmaßnahmen umzusetzen. Zum anderen erwerben die Energiescouts Kernkompetenzen, wie Kommunikation, Networking und Projektmanagement. Und schließlich werden Akzeptanz und Interesse der Belegschaft an Umweltfragen größer, da sie nicht „von oben verordnet“, sondern von den Azubis angesprochen werden.

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, die ökologischeThemen und gute Arbeit stärker im Zusammenhang sehen?

Susanne Nickel: Die Etablierung arbeitsökologischer Innovationen kann beispielsweise neue umweltorientierte Beschäftigungsfelder eröffnen und zu Beschäftigungswachstum oder -wandel führen. Die Verbindung von Arbeits- und Umweltbelangen trägt zu einer stärkeren Identifikation von Beschäftigten mit ihrer Arbeit und ihrem Unternehmen bei – vorausgesetzt, sie können ihr Wissen und ihre Anliegen einbringen. Allgemein lässt sich die Innovations- und Entwicklungsfähigkeit von Unternehmen steigern – im Hinblick auf eine resiliente, auf Nachhaltigkeit ausgerichtetete Unternehmenspraxis. Unser Ansatz bezieht dabei auch die überbetriebliche Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette ein, denn häufig lassen sich arbeitsökologische Innovationen nicht mehr einzelbetrieblich entwickeln: Mit zwei unserer Verbundpartner erforschen und erproben wir, wie durch eine verbesserte Kooperation zwischen den Unternehmen sich einerseits die Arbeitsbelastung der Beschäftigen und andererseits der Material- und Ressourcenaufwand reduzieren lässt.

Was sind mögliche Schwierigkeiten, denen sich Unternehmen hierbei stellen müssen?

Yann Fingerhut: Nicht jede ökologische Innovation von Produkten, Dienstleistungen oder Arbeitsprozessen verbessert auch die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten. Die Veränderungen können von Beschäftigten als Beeinträchtigung ihrer Arbeitsqualität sowie mitunter auch ihrer Arbeitsplatzsicherheit und Beschäftigungsperspektiven erlebt werden. Umgekehrt können auch Verbesserungen für die Beschäftigten mit Umweltbelastungen einhergehen, z. B. durch energieintensive Technologien. Ziel- und Erwartungskonflikte zwischen Ansprüchen an gute Arbeit und an ökologische Neuerungen erfordern daher eine konstruktive Bearbeitung. Zudem kommt es darauf an, durch die Einbindung und das Zusammenbringen unterschiedlicher Perspektiven in Unternehmen eine hohe Achtsamkeit für solche Konflikte zu entwickeln.

Was empfehlen Sie Unternehmen – auch mit Blick auf bisherige Projektergebnisse –, die ökologische Innovationen auf den Weg bringen wollen?

PD Dr. Guido Becke: Ökologische Innovationen können letztlich nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn sie von Führungskräften und Beschäftigten bzw. ihren Interessenvertretungen mitgestaltet und unterstützt werden. Beschäftigte verfügen oftmals über ein vielgestaltiges und gesättigtes Erfahrungswissen über Arbeitsprozesse, Arbeitsweisen oder technische Anlagen sowie im Umgang mit Kundinnen und Kunden sowie mit Klientinnen und Klienten. Dieses Erfahrungswissen bildet für ökologische Neuerungen oftmals eine bedeutsame Wissensgrundlage. Die Beteiligung von Beschäftigten und die Verbindung mit dem Thema „gute Arbeitsgestaltung“ ermöglichen es, dieses Erfahrungswissen in ökologische Innovationsprozesse einzubringen und diese Prozesse aktiv mitzugestalten.

Wie sich Arbeit und Ökologie erfolgreich verbinden lassen und welche Best Practice Beispiele es hierzu aus Bremer Unternehmen gibt, zeigt die neue Broschüre des Projektes. NaGut ist ein vom BMBF gefördertes Pilotprojekt im neuen Forschungsprogramm Zukunft der Arbeit. Im Förderschwerpunkt „Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen“ arbeitet es in der Fokusgruppe Präventionsallianzen mit. Nähere Informationen zu NaGut bietet die Webpage: http://www.nagut.uni-bremen.de.