Intralogistik im Spannungsfeld von Prävention und Wettbewerbsfähigkeit – das Projekt PREVILOG

Hochregallager

Als drittgrößter Wirtschaftsbereich in Deutschland beschäftigt die Logistikbranche etwa 2,8 Millionen Menschen. Ein wichtiger Teil ist die Intralogistik, die den Waren- und Materialfluss innerhalb eines Unternehmens regelt. Angesichts des rasanten Wachstums der Intralogistik wird es für Unternehmen jedoch zunehmend schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden und zu halten. Wie Prävention hier ein wesentlicher betrieblicher Erfolgsfaktor sein kann, erläutert uns Dr. Dirk Marrenbach vom Fraunhofer IAO, der das Projekt PREVILOG koordiniert.  

Im Mittelpunkt des Projektes PREVILOG stehen präventiv gestaltete Arbeitsplätze in der Intralogistik. Was war für das Fraunhofer IAO ausschlaggebend, sich mit dieser Branche zu beschäftigen?

Dr. Dirk Marrenbach: Das Fraunhofer IAO beschäftigt sich traditionell mit der Analyse, Gestaltung und Optimierung von manuell bedienten Montagesystemen. In den vergangenen Jahren wird hier mehr und mehr nach ganzheitlichen Lösungen gefragt, die auch die Materialversorgung einschließen. Dementsprechend sind auch die Planung und Realisierung von zum Montagesystem passenden Förder-, Lager-, Kommissionier-, Sortier- und Verpackungssystemen hinzugekommen. Der Weg zur Gestaltung von ganzen Logistiksystemen war so nicht mehr weit. Projekte mit Unternehmen aus Distribution und Handel haben dann den Weg für PREVILOG freigemacht.

Was ist Ziel des Projektes?

Dr. Dirk Marrenbach: Unsere zentrale These ist:  Der Mensch spielt trotz der fortgeschrittenen Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung die zentrale Rolle des analytischen, operativen kommunikativen und koordinierenden Leistungsträgers in der Intralogistik. Dementsprechend ist eine präventive Gestaltung von Arbeitssystemen in der Intralogistik wichtig für den langfristigen Unternehmenserfolg, da die vielfältigen Tätigkeiten des Menschen in der Intralogistik noch lange nicht durch Technologien, wie beispielsweise Künstliche Intelligenz oder Roboter, übernommen werden können. Diese Erweiterung haben wir in PREVILOG mit unseren Partnern erfolgreich umgesetzt.

Werfen wir einen Blick auf die Forschungsergebnisse des Projektes PREVILOG. Wo haben Sie innerhalb der Intralogistik die größten Arbeitsbelastungen ausgemacht?

Dr. Dirk Marrenbach: In der Intralogistik gibt es nicht nur die eine hohe Belastung! Die Intralogistik beschäftigt sich mit der effizienten Handhabung von Gütern in Wertschöpfungsnetzwerken. Logistikdienstleister wickeln für zahlreiche Kunden gleichzeitig vielfältige Prozesse ab. In Intralogistiksystemen treten sowohl hohe physische Belastungen aus der manuellen Handhabung von Gütern als auch hohe psychische Belastungen aufgrund des hohen Termin- und Leistungsdrucks auf. Die Personalkapazitäten sind in der (Intra)Logistik schon immer knapp bemessen gewesen. Die Mitarbeiter arbeiten mit einer hohen Grundauslastung, zu der sich noch Belastungsspitzen hinzugesellen. Der erbrachte Lieferservice des effizienten Logistikdienstleisters bestimmt die Attraktivität des Leistungsangebots am Markt.   

Die präventive Gestaltung von Intralogistiksystemen muss dieser Vielfalt von physischen und psychischen Belastungen Rechnung tragen, indem sie individuelle Lösungen entwickelt, die nicht nur einseitig die Ergonomie am Arbeitsplatz verbessert, sondern auch organisationale, informationelle, kommunikative und persönliche Aspekte berücksichtigt, die sowohl zu guten Arbeitsergebnissen als auch zu guten Arbeitsbedingungen führen.

Wie kann der Spagat zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Prävention in der Intralogistik gelingen?

Dr. Dirk Marrenbach: Flexible Logistiklösungen kommen derzeit noch nicht ohne den Menschen aus. Die Arbeitsplätze der Intralogistik sind aber unter den skizzierten Randbedingungen nicht attraktiv genug, um ältere Arbeitnehmer länger arbeitsfähig und damit im Betrieb zu halten oder gar jüngere Mitarbeiter neu für ein Unternehmen zu gewinnen. Hier setzt das Konzept der Prävention an, um die Attraktivität der Arbeitsplätze in der Intralogistik und damit die Attraktivität der Arbeitgeber nachhaltig zu steigern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit am Markt aufrecht zu erhalten.

Die Digitalisierung kann hier helfen, beispielsweise durch den Einsatz von kamerabasierten Assistenzsystemen Mitarbeiter von monotonen Routinetätigkeiten bei der manuellen Erfassung von Bestell-, Liefer-und Artikeldaten zu entlasten. Neben technologischen Lösungen können auch einfache organisatorische Änderungen Arbeitsplätze attraktiver und abwechslungsreicher machen: Job Rotation, Job Enrichment und Job Enlargement sind allseits bekannte Maßnahmen der Arbeitsgestaltung, die auch präventionsfördernd eingesetzt werden können.

Wie sehen die im Projekt entwickelten Lösungsansätze konkret aus?

Dr. Dirk Marrenbach: Das pragmatische Instrumentarium von PREVILOG setzt sich aus einer Methodik zur systematischen Erfassung von Beanspruchungen, einer Sammlung von Prinzipien zur präventiven Gestaltung von Arbeitssystemen der Intralogistik sowie einer Zuordnungsmatrix von Beanspruchungen und Prinzipien zusammen. Diese drei Grundinstrumente sind in ein partizipatives Vorgehensmodell zur kurzzyklischen Analyse, Gestaltung und Realisierung von Arbeitssystemen der Intralogistik eingebettet. Auf diese Weise können Mitarbeiter und Führungskräfte auf dem Hallenboden schnell und einfach Arbeitssysteme untersuchen, Schwachstellen identifizieren und Gestaltungsansätze zur Verbesserung des Arbeitsplatzes ableiten. Diese Instrumente bilden die Plattform zur Ausgestaltung des identifizierten Arbeitssystems mit Hilfe der bekannten Werkzeuge der Logistik- und Arbeitssystemgestaltung.

Das Projekt PREVILOG lädt die interessierte Fachöffentlichkeit zu seiner Abschlussveranstaltung am 27. Juni 2019 nach Stuttgart ein. Die Tagung bietet die Möglichkeit, Projektergebnisse kennenzulernen und sich mit Praktikern und Arbeitsforschern über Herausforderungen und Lösungsansätze in der Intralogistik auszutauschen. Der Anmeldeschluss ist der 19. Juni 2019. Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier.

Das Interview führte Marie Louise Posdzich.