Nachhaltige und gesunde Projektarbeit – das Projekt ReProNa

Projektarbeit

Im Projektalltag sind wir vielfach gefordert. Knappe Ressourcen, Multitasking oder Bürokratisierung sind Herausforderungen, die mit Projektarbeit und -management einhergehen können. Umso wichtiger ist es, Instrumente und Prozesse in der Projektarbeit gesundheitsförderlich zu gestalten. Wie das gelingen kann, berichten uns aus dem Verbundprojekt ReProNa Tobias Hallensleben und Matthias Wörlen vom Lehrstuhl für Sozioökonomie der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Projektarbeit ist anspruchsvoll, facettenreich – und oftmals stressig. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Stellschrauben für eine gesunde Projektarbeit?

Matthias Wörlen: Projektarbeit geht mit den gleichen Belastungsursachen einher wie Wissensarbeit im Allgemeinen. Für Projekte ist allerdings kennzeichnend, dass sie eine Zukunftsvorstellung in einem festen Zeitrahmen, mit definierter Personal- und Ressourcenausstattung verwirklichen sollen. Durch die Projektform werden sehr direkt Anforderungen in Kraft gesetzt, die von den Projektmitarbeitern in Abhängigkeit von den persönlichen und betrieblichen Kompetenzen, der Ressourcenausstattung, der Kooperations-, Führungs- und Unternehmenskultur als spannend, motivierend und sinnstiftend oder als aufreibend und überfordernd erlebt werden können. Aus unserer Perspektive ist für eine zielorientierte und nachhaltige Projektarbeit wichtig, dass sich alle beteiligten Ebenen der Planung und Durchführung über die individuellen Projekt-Anforderungen bewusst werden, sich dazu wechselseitig abstimmen und dazu auch im Projektverlauf die notwendigen Anpassungen vornehmen.

Tobias Hallensleben: Arbeit nachhaltig zu gestalten, ist eine Frage der Unternehmenskultur  – das gilt für Projektarbeit ebenso wie für konventionelle Arbeitsformen. Dies auf einige „Stellschrauben“ zu reduzieren, hat oft zur Folge, dass Maßnahmen zwar auf dem Papier existieren, aber nicht gelebt werden. Unsere Fallstudien zeigen, dass erst im Zusammenspiel struktureller Regelungen und individueller Kompetenzen das Belastungsniveau sinkt. Auf struktureller Ebene ist es wichtig, Instrumente und Routinen zu haben, die dabei unterstützen, die geplanten finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen beständiger Prüfung zu unterziehen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Gleiches gilt für die Projektdurchführung, insbesondere die zugrundeliegenden Prozesse. Was wir in unseren Untersuchungen finden, sind hingegen hochgradig formalisierte Prozessstandards, die oft nicht zu den Unwägbarkeiten der realen Innovationsarbeit passen. Es kommt notorisch zu Abweichungen zwischen Projektplan und Projektwirklichkeit. Gerade in puncto Zeit- und Budgetplanung wird oft von vorneherein eine Fassade errichtet und dahinter tobt ein einziges Trouble Shooting und Turbulenzmanagement. Die Folge sind Zynismus, Resignation und Überforderung. Auf individueller Ebene geht es unter diesen Bedingungen darum zu lernen, mit Widersprüchen (z.B. in Form von Dilemmata) umzugehen, Ungewissheit auszuhalten und den herrschenden Projektstandards nicht einfach „blind“ zu vertrauen.

Wie haben sich die Anforderungen in der Projektarbeit durch die Digitalisierung verändert?     

Matthias Wörlen: Verdichtung und Beschleunigung von Arbeit durch Digitalisierung betrifft natürlich auch die Projektarbeit. Für uns sind zwei andere Aspekte der Digitalisierung allerdings interessanter: 1. Für die Auseinandersetzung mit Projektanforderungen sind die neuen Kommunikationsmedien ambivalent: Einerseits sind der Austausch von Erfahrungen und die Sondierung von Unsicherheiten stark auf Ko-Präsenz angewiesen. Das fällt durch mediengestützte Kommunikation schnell weg. Auf der anderen Seite erwarten wir aber technologische Fortschritte, die den Transfer von Projekterfahrungen in das betriebliche Wissensmanagement unterstützen. 2. Aus dem Bereich der Software-Entwicklung kamen die aktuell prägenden Innovationen im Projektmanagement – Stichwort Agilität. Aktuell wird vielerorts an intelligenten Konzepten der Hybridisierung von klassischen und agilen Projektmanagement-Konzepten gearbeitet. Diese beiden Aspekte werden in Zukunft prägenden Einfluss haben. Damit in Zukunft die damit verbundenen Hoffnungen auf nachhaltigere und flexiblere Projekte auch erfüllt werden, müssen Planungs- und Lerninstrumente in Projekten so strukturiert sein, dass sie Teams und Mitarbeiter Raum geben, diskursiv Projekt-Anforderungen zu erschließen.

Welche Instrumente haben Sie im Projekt ReProNa entwickelt? Und wie können Unternehmen davon profitieren?

Tobias Hallensleben: Im Projekt wurde u.a. ein Führungskräftebeurteilungs- und Auswahltool entwickelt, in dem das Management von ambivalenten, unsicheren, sich ständig wandelnden Situationen hoher Komplexität eine zentrale Dimension bildet. Dadurch wird es möglich, den nachhaltigen Umgang mit sozialen Ressourcen in der Organisation wissensintensiver Projektarbeit zu verankern. Zudem haben wir ein Modell für einen reflexiven Projektprozess abgeleitet und eine entsprechende Lessons-Learned-Software für Gesundheit, Wissen und Sozialkapital konstruiert und getestet, die Unternehmen dabei unterstützt, sich selbst über belastungskritische Faktoren am Arbeitsplatz aufzuklären und sich über pathogene Bedingungen in der Projektarbeit zu informieren. Außerdem haben unsere wissenschaftlichen Partner vom COGITO-Institut ein Workshop-Format zur reflexiven Prävention für Wissensarbeiter ausgearbeitet und erfolgreich getestet. In diesen sogenannten „Denkwerkstätten“ wird gemeinsam mit den Beschäftigten ein Forschungsprozess über die eigene Belastungssituation, deren Entstehungsbedingungen und die salutogenen Potentiale des Projektgeschäfts initiiert, um schließlich konkrete Maßnahmen und Gestaltungsideen für eine nachhaltige Projektarbeit im eigenen Unternehmen zu entwickeln.

Haben Sie Tipps für Beschäftigte, die ihren Projektalltag gesundheitsförderlich gestalten möchten? 

Tobias Hallensleben: Natürlich hilft es, sich in Ungewissheits- und Ambiguitätstoleranz zu üben und die Auswirkungen moderner Unternehmenssteuerung auf die eigene Psyche verstehen zu lernen. Und selbstverständlich ist es wichtig, sich immer wieder die Grenzen eigenen Wissens (der Planbarkeit, Berechenbarkeit und Kontrolle) vor Augen zu führen. Doch wenn Widersprüche – etwa zwischen fachlichem und ökonomischem Gewissen, zwischen Projektplan und Wirklichkeit, subjektiver Involviertheit und der Notwendigkeit zu scheitern – Überhand nehmen, bedarf es institutionalisierter Verständigungsprozesse darüber, was die eigene Produktivität und Kreativität behindert und seelisches Leid verursacht. In solchen Fällen können Beschäftigte nicht an einer Individualisierung struktureller Probleme interessiert sein, sondern sollten bestehende Standards, Prozesse und Methoden kritisch hinterfragen.

Das Projekt ReProNa lädt herzlich zu seiner Abschlusstagung „Projektarbeit in der Industrie: autonom – agil – riskant“ am 16. Juli 2019 nach Frankfurt am Main ein. Die Fachtagung, die ReProNa gemeinsam mit der „Europäischen Akademie der Arbeit“ (EAdA) durchführt, stellt zentrale Forschungsergebnisse vor und bietet die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu diskutieren. Weitere Informationen finden sich auf der Projektwebsite: www.reprona.de.

Das Interview führten Marie Louise Posdzich und Alexander Purbs.